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Stand: 15.11.2017

Pressemitteilung

„Öfter mit Kinderaugen schauen“

wehrstapeltrauerDie Schatztruhen halten jeden Tag neues Material zum Thema „Trauer“ für die Viertklässler der St.-Johannes-Schule in Wehrstapel bereit.Jana Sudhoff

Und das kommt bei den Mädchen und Jungen sogar sehr gut an. "Wir haben gelernt, dass wir keine Angst haben müssen zu weinen," sagt Melissa Kantar.

Eine Woche lang beschäftigten sich die Viertklässler im Rahmen des Projekts "Hospiz macht Schule" mit dem Thema Tod und Trauer. So sahen sie erstmals in ihrem Leben eine echte Leiche in dem Film "Willi will’s wissen" zum Thema Sterben und Tod, sie berichteten sich gegenseitig von ihren Erfahrungen, die sie mit verstorbenen Familienmitgliedern oder Haustieren gemacht haben, sie sprachen mit der Ärztin Dr. Anne Ungemach über Krankheit und Leid, auch über Beerdigungen lernten sie einiges, aber auch Trösten und Getröstet werden standen auf dem Lernplan - Jeder Schultag stand unter einem anderen thematischen Schwerpunkt, jeden Tag hielt eine neue Schatztruhe viel Material bereit.

Und die Wehrstapeler Schüler gingen die schwere Kost mit einer Lockerheit, Neugier und Offenheit an, mit der sie alle Bedenken der Erwachsenen zerstreuten. "Mein Papa hat viele Sorgen wegen dieser Woche, aber ich finde das richtig gut", hatte ein Junge Daniela Jaworek gesagt, die mit fünf weiteren Ehrenamtlichen vom ambulanten Hospiz- und Palliativpflegedienst des Caritasverbandes Meschede das Projekt an der Grundschule durchführte. Das Kollegium hat sich - nach Gesprächen mit den Eltern und der Schulkonferenz - dafür entschieden, dieses Wagnis einzugehen. Auch für die Ehrenamtlichen ist es ein Abenteuer. Das sechsköpfige Team führt erstmalig das Projekt "Hospiz macht Schule" durch, das vom Bundesfamilienministerium mitentwickelt und gefördert wurde.

Offen über ein Tabuthema sprechen.

"Unser Ziel war es, dass die Kinder lernen über dieses Tabuthema zu sprechen, auch damit sie gewappnet sind für künftige Trauerfälle", sagte Schulleiterin Christina Plett. "Sie sollen auch sensibel den Gefühlen anderer gegenüber werden", ergänzt die Pädagogin. Und daher bekommen die Mädchen und Jungen in der Projektwoche auch immer wieder Gelegenheit, ihre eigenen Gefühle auszudrücken oder auch Rücksicht auf andere zu nehmen, die traurig sind. "Mir ist es wichtig, ihnen zu zeigen, dass auch Erwachsene nicht immer stark sein müssen und auch manchmal weinen", sagt die Schulleiterin, die ihren Schützlingen daher auch von eigenen Trauererfahrungen erzählt und dabei dann auch ihren Tränen freien Lauf lässt. "Ich finde es gut, dass wir mit jedem offen darüber reden können", lobt auch Melissa Kantar nach der Projektwoche. Wem das Thema aber einmal zu sehr zu Herzen geht, der hat die Möglichkeit, sich für ein Vier-Augen-Gespräch mit Daniela Jaworek zurückzuziehen.

Die Hospizler und die Pädagogen haben aber beobachtet, dass selbst die Kinder, die vor der Projektwoche etwas Angst hatten, dem Thema inzwischen offen und neugierig begegnen. "Wir müssen keine Angst vor dem Tod haben", sagt zum Beispiel Alicia Engel. Ihr war es wichtig zu erfahren, "wo ich später liegen werde. Dass es so gemütlich darin aussieht, wusste ich nicht", sagt die Viertklässlerin, nachdem sie in einer Filmsequenz einen Sarg gesehen hat. Ihre Antwort deckt sich mit den Beobachtungen der Projektleiter. "Kinder haben viele sachliche Fragen", sagt Jaworek. Da kann es bei einer Beerdigung aus einem Kind schon mal herausplatzen: "Wie passt der Opa denn in eine Urne?" Überraschend entspannt gingen die Kinder auch mit dem Anblick der Leiche um. Dass der aufgebahrte Leichnam blass und kalt wirkt - diese Beobachtung musste den Kindern im Nachgespräch erst aus der Nase gezogen werden. Viel mehr Eindruck hatten die feierliche Atmosphäre, der Kerzenschein, der gemütlich eingerichtete Raum, die angenehme Ruhe auf die Schüler gemacht.

"Die Kinder nehmen das Positive mehr wahr, das wir Erwachsenen nicht sehen", sagt Schulleiterin Christina Plett. "Da können wir uns eine Scheibe von abschneiden. Wir sollten öfter mal mit Kinderaugen schauen." Auch Daniela Jaworek hat im Hospizdienst gelernt: "Kinder springen in Trauer rein und genauso auch wieder raus. Sie sind nicht konstant traurig." Den Tränen kann auch schnell wieder ein Lächeln folgen.

Gelernt hat Bärbel Tittmann von dem offenen Umgang ihrer Schüler mit dem Thema Tod. Ihre anfänglichen Bauchschmerzen angesichts des für sie heiklen Themas sind einer Begeisterung gewichen. "Ich war sehr skeptisch, aber mir hat die Projektwoche sehr viel gegeben", so die Klassenlehrerin, die sagt: "Immer wieder gern." Das sieht die Schulleiterin genauso, sie möchte die Projektwoche für Viertklässler in der Schule etablieren. "So haben wir die Möglichkeit, dem Thema ohne Zeitdruck den nötigen Raum zu geben, sodass man allen Aspekten gerecht wird", sagt Christina Plett, die aus Erfahrung weiß, dass man im Reliunterricht dem Thema nicht gerecht werden kann. "Und das muss öffentlicher werden", wirbt sie für einen neuen Umgang mit dem Tabuthema in der Gesellschaft.

Grundschulen, die Interesse an dem Projekt "Hospiz macht Schule" haben, können sich unter 02 91/9 02 11 58 melden.

 

Text und Foto von Jana Sudhoff, SauerlandKurier