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Stand: 10.04.2018

Pressemitteilung

Klein, aber wirkungsvoll

Klein, aber wirkungsvoll  2In ihrer dokumentarischen Serie „Sorgearbeit“ hat sich die Fotografin Marlene Pfau mit der 24-Stunden-Betreuung in der häuslichen Pflege auseinandergesetzt. Dafür hat sie die polnische Betreuungskraft Danuta Banasiak bei der Pflege einer an Demenz erkrankten Frau begleitet. (Foto: Marlene Pfau)

Es ist ein kleines, aber bundesweit beachtetes Projekt: CariFair setzt sich dafür ein, dass Betreuungskräfte aus Polen zu fairen Bedingungen in deutschen Pflege-Haushalten beschäftigt werden. Entwickelt wurde dieses Modell von der Caritas im Erzbistum Paderborn. Mehr als 500 Betreuungskräfte sind aktuell in ganz Deutschland in etwa 350 Familien im Einsatz. 18 örtliche Caritasverbände im gesamten Bundesgebiet und ein diözesaner Caritasverband in Polen tragen gemeinsam CariFair (www.carifair.de). Der Paderborner Diözesan-Caritasdirektor Josef Lüttig hatte vor zehn Jahren die Initiative für dieses Angebot ergriffen. Im Interview erläutert er Hintergründe, Erfahrungen und Perspektiven:      

Was war der Anlass für das Projekt?

Im Jahr 2007 berichteten Pflegekräfte der Sozialstationen zunehmend über offensichtlich illegal tätige Haushaltshilfen aus Polen in den Haushalten pflegebedürftiger Menschen. Für uns als Caritas stellte sich die Frage, wie wir mit dieser Beobachtung umgehen sollten. Gemeinsam mit den örtlichen Caritasverbänden Paderborn, Olpe und Soest und der nationalen Caritas in Polen haben wir dann versucht, eine eigene Antwort zu finden. Herausgekommen ist ein Projekt mit dem ursprünglichen Titel „Heraus aus der Grauzone“. Der Untertitel zeigte deutlich die Richtung an. Es ging uns im den „qualitätsgesicherten Einsatz polnischer Haushaltshilfen in Haushalten mit Pflegebedürftigen“. Ziel des Projekts war und ist es, die Interessen beider Parteien zu sichern: eine gute und sichere Versorgung Pflegebedürftiger auf der einen Seite sowie andererseits die faire und legale Beschäftigung von Betreuungskräften aus Polen sowie deren Schutz vor Ausbeutung. Heute ist dieses Projekt ein Regelangebot unter dem Namen „CariFair“.

Wie funktioniert CariFair?

Grundlage ist die Zusammenarbeit zwischen polnischen und deutschen Caritasverbänden. Während die Caritas in Polen interessierte Personen berät und auf ihren Einsatz in Deutschland vorbereitet, stellen hierzulande die Caritasverbände die Begleitung des Arbeitsverhältnisses sicher. Dafür stehen eigens zweisprachige Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zur Verfügung. Sie beraten und unterstützen sowohl die Betreuungskräfte als auch die Pflegebedürftigen und ihre Angehörigen. Sie besprechen außerdem die Einsatzzeiten, wobei auf freie Zeiten geachtet wird. Außerdem sorgen sie dafür, dass auch andere Angebote in die Betreuung einbezogen werden, etwa eine Tagespflege-Einrichtung. Dies soll auch dazu beitragen, die Betreuungskraft zu entlasten. Die Caritas sorgt auch dafür, dass die Betreuungskräfte untereinander in Kontakt kommen, damit sie nicht sozial isoliert sind. Um eine sichere pflegerische Begleitung zu gewährleisten, sind in jedem Fall auch eine Sozialstation oder eine Tagespflege-Einrichtung einbezogen.

CariFair unterscheidet sich vom Angebot der vielen in Deutschland tätigen Vermittlungsagenturen. Worin bestehen die Unterschiede?

Die Beschäftigung bei CariFair basiert auf dem Arbeitgeber-Arbeitnehmer-Modell. Das heißt,  die Familie der pflegebedürftigen Person ist Arbeitgeberin, die Betreuungskraft angestellte Arbeitnehmerin. Beide schließen einen Arbeitsvertrag mit festgelegtem Beschäftigungsumfang und einem tariflich vereinbarten Gehalt. Die Betreuungskräfte sind sozialversichert und zahlen in Deutschland Steuern. Sie haben Anspruch auf bezahlten Urlaub und auch auf Lohnfortzahlung im Krankheitsfall.

Die Agenturen haben in der Regel andere Beschäftigungsmodelle. Sie entsenden im Ausland beschäftigte Arbeitnehmer oder auch selbstständig tätige Kräfte nach Deutschland. Je nach Vertrag müssen sich die Betreuungskräfte selbst um ihre Versicherung kümmern. Als Selbstständige unterliegen sie auch keiner Arbeitszeitbeschränkung. Für uns sind diese Modelle oftmals wenig transparent. Wir haben uns daher bewusst für das Arbeitgeber-Arbeitnehmer-Modell entschieden. Als Caritas müssen wir auch keine Gewinne aus diesem Angebot ziehen. Damit unterscheidet sich CariFair an verschiedenen Stellen vom Angebot der Agenturen.

Versorgungsangebote, die mit einer Rund-um-die Uhr-Betreuung durch Osteuropäerinnen werben, sind offensichtlich anfällig für rechtliche Grauzonen und Ausbeutung. Bestehen diese Probleme nach Ihrer Wahrnehmung weiterhin?  

Die Zahl der in Deutschland tätigen ausländischen Betreuungskräfte liegt – je nach Schätzung – zwischen 150.000 und 300.000. Manche Experten sagen, dass etwa 90 Prozent von ihnen in Schwarzarbeit tätig sind. Man muss also von einem ausgesprochen hohen Anteil von Beschäftigungsverhältnissen in der Grauzone ausgehen. Von politischer Seite gibt es derzeit leider wenig Initiative, diese Situation zu verändern. Die Bundesregierung hat gerade erst Anfang Januar auf eine Kleine Anfrage zu den Arbeitsbedingungen von im Haushalt lebenden Pflegekräften gesagt, dass aktuell keine speziellen Regelungen für diese Beschäftigten vorgesehen sind, allerdings wäre „eine Klärung des Tätigkeitsprofils der Betreuungs- und Pflegekräfte in privaten Haushalten, und eindeutige rechtliche Rahmenbedingungen wünschenswert“.

CariFair erfährt viel Lob – warum wird das Angebot nicht ausgebaut?   

Zum einen ist es hierzulande für viele Caritasverbände schwierig, zweisprachiges Personal für das Projekt einzustellen. Da spielen dünne Personaldecken und der leergefegte Pflegekräfte-Arbeitsmarkt mit hinein. Auf der anderen Seite haben sich auch die Verhältnisse in Polen gewandelt; es herrscht praktisch Vollbeschäftigung und es wird dort immer schwieriger, interessierte und vor allem geeignete Personen zu finden. Nur noch ein diözesaner Caritasverband in Polen beteiligt sich noch an CariFair. Inzwischen wenden sich jedoch auch Frauen und Männer aus Polen und anderen EU-Staaten direkt an die deutschen Caritasverbände, die sich bei CariFair engagieren. Aus diesem Grunde haben wir in Paderborn zusätzlich eine zweisprachige Mitarbeiterin eingestellt, die interessierte Personen in ihrer Muttersprache über die Beschäftigung bei CariFair informiert.

Was kann das Projekt leisten? Wo sind aber auch Grenzen?

Mit CariFair schaffen wir ein hohes Maß an Sicherheit – sowohl für die Familien als auch für die Betreuungskräfte. Aus Sicht der Frauen und Männer könnte die Bezahlung sicher höher sein, allerdings schätzen viele von ihnen doch auch die Absicherung im Krankheitsfall und auch den Erwerb von Rentenansprüchen. Die Begleitung durch die Caritas  hilft vielen von ihnen bei ihrem Einsatz in Deutschland. Herausfordernd ist und bleibt die Einhaltung der vereinbarten Arbeitszeit, was an der fehlenden Trennung von Wohn- und Einsatzort der Betreuungskraft liegt. Hier ist Caritas immer wieder gefragt, die Bedarfe der Pflegebedürftigen mit denen der Betreuungskraft und ihrer verfügbaren Arbeitszeit abzugleichen.

Eine weitere Herausforderung sind die vergleichsweise hohen Kosten für die Beschäftigung einer Betreuungskraft. Die Familien zahlen etwa 2.500 Euro im Monat, was es für viele unbezahlbar macht. Allerdings können wir nur so eine faire, tariflich geregelte Bezahlung der Betreuungskräfte gewährleisten. Wir setzen uns jedoch dafür ein, dass die Familien einen höheren Anteil durch die Pflegeversicherung erstattet bekommen und die Hürde auf diese Weise niedriger wird.

Noch etwas: Wir bekommen Anfragen von Familien aus dem ganzen Bundesgebiet, die wir jedoch nicht erfüllen können, wenn der jeweilige Caritasverband vor Ort das Angebot nicht macht. Wir unterstützen aber gerne jeden Verband, der sich in diesem Bereich engagieren möchte!

Klein, aber wirkungsvollEröffnung der Foto-Ausstellung „Sorgearbeit“ im Foyer des Kreishauses in Paderborn (von links): Diözesan-Caritasdirektor Josef Lüttig, die porträtierte Betreuungskraft Danuta Banasiak sowie Gertrudis und Hans-Jürgen Risse aus Wewer, Angehörige der an Demenz erkrankten porträtierten Frau. (Foto: cpd/Jonas)

Hinweis:

Im Kreishaus Paderborn (Aldegreverstr. 10) ist bis zum 28. Februar eine Foto-Ausstellung zu sehen, die das Thema CariFair von künstlerischer Seite beleuchtet. Die Berliner Fotografin Marlene Pfau erzählt mit ihrer Kamera die Beziehung zwischen einer Betreuungskraft aus Polen und einer demenzkranken, pflegebedürftigen Seniorin.